Der Ochse im Moor
Das Schilf wiegte sich leise raschelnd mit dem Wind hin und her. Viele Halme, gelb und braun gefärbt. Und dazwischen?Noch mehr Schilfhalme. Und? Etwas Längliches, etwas stämmig Wirkendes, in den selben Farbtönen wie das Schilf. Ein gen Himmel gerichteter, dunkler Schnabel steckte auf einem ebenso langen, gefiederten Hals und bewegte sich im Rhythmus der Pflanzen mit. Eine Rohrdommel stand am Ufersaum und versuchte so, sich zu tarnen. Erfolgreich.
Denn der zu den Reihern gehörende Vogel verschmolz mit seiner Umgebung, wurde unsichtbar. Als er sich sicher fühlte, verließ er diese angespannte Haltung und ging wieder auf Nahrungssuche. Nur langsam voranschreitend, den Kopf dicht über dem Wasser, jagte die Rohrdommel nach Fischen. Auch nach Amphibien oder Kleinsäugern hielt sie Ausschau und bewegte sich dabei immer im Röhricht oder in dessen unmittelbarer Nähe.
Aus diesem Grund braucht die Art ausgedehnte Röhrichtbestände. Denn nur wenn sie in Deckung bleibend ausreichend Futter findet, ist ein Teich für die Rohrdommel geeignet. Hier brütet sie auch. Die Balz beginnt im März. Überwiegend dämmerungsaktiv, sind die dumpfen Rufe des Tarnkünstlers auch im Dunkeln zu hören.
Von diesen stammt auch der Name „Moorochse“. Die Revier- und Balzrufe sollen an Ochsen erinnern. Früher dachten die Menschen, dass vielleicht Rinder im Moor stecken geblieben wären, da sie den scheuen und unscheinbaren Vogel nicht erblicken konnten und seine Rufe verwechselten.
Heute weiß man es besser, häufiger sieht man die Rohrdommel jedoch trotzdem nicht. Neben ihrer heimlichen Lebensweise liegt es auch daran, dass die Rohrdommel als gefährdet gilt. Ursache ist vor allem der Verlust geeigneter Lebensräume.
Zum Glück legt eine Rohrdommel fünf bis sechs Eier und kann sich so in geeigneten Lebensräumen erfolgreich vermehren. Ihr Nest legt sie ebenfalls gut versteckt im Schilf an. Dort schlüpfen nach einem knappen Monat die Jungen, welche das Weibchen allein versorgt. Hierfür fängt sie kleine Fische und auch Insekten. Und sollte sie sich dabei beobachtet fühlen, geht sie wieder in die Pfahlstellung. Gerade im Schilf stehend, Kopf und Schnabel nach oben gerichtet, wippt sie mit den Halmen im Wind. Abwartend, bis die Gefahr vorüber ist.
Dem „Schilfschwein“ auf der Lauer

„Quiek, quiek“ – immer wieder rief, quiekte, grunzte und quietschte es ein paar Meter vor mir im Schilf. Einige Halme wackelten, die Rufe kamen näher. Ich stand wie angewurzelt da, starrte auf das Schilf und versuchte darin etwas zu erkennen. Vergeblich. Wieder kam das Rascheln näher, aber immer noch war nichts von dem „Schilfschwein“ zu sehen. Ich konnte mir gut vorstellen, woher der Name der Wasserralle stammt, erinnerten einige Rufe doch wirklich an ein Schweinchen, das sich dort im Schilf bewegen musste.
So sehr ich den Hals aber auch reckte, ich konnte den Vogel einfach nicht entdecken. Als ich das Gewicht etwas verlagerte, um besser sehen zu können, knackte ein kleiner Zweig. ‚Mist!‘
Prompt hörte das Rascheln und Quietschen vor mir auf. Nun verharrten wir also beide. Die Wasserralle hielt es zuerst nicht mehr aus. Vielleicht fühlte sie sich auch einfach sicher, denn es begann wieder, im Schilf zu wackeln. Trotzdem blieb sie immer gerade so weit im Röhricht, dass ich sie nicht sehen konnte. Vielleicht spürte sie auch meine Anwesenheit. Ich gab es für diesen Abend auf, da es immer dunkler wurde. Punkt für die Wasserralle.
Einen Tag später, wieder kurz vor Einbruch der Dämmerung, begann die Wasserralle wieder ihre Aktivität. Ich hatte diesmal eine bessere Position gewählt, von der ich aus etwas größerer Distanz die gestrige Stelle einsehen konnte. Und diesmal hatte ich Glück!
Der knapp dreißig Zentimeter große, überwiegend braun und metall-grau gemusterte Vogel ließ sich blicken. Während der Futtersuche verschwand der rote Schnabel immer wieder blitzartig im Schlamm und zog Würmer heraus. Auch Frösche, kleine Fische und Insekten wurden verspeist.
Ich freute mich sehr, diesen in Teichregionen eigentlich gar nicht so seltenen Vogel beobachten zu dürfen. Auch er legt wie die Rohrdommel sein Nest im Röhricht an. Aus bis zu elf Eiern schlüpft nach circa zwanzig Tagen der Nachwuchs. Im Unterschied zu den Rohrdommeln sind die jungen Wasserrallen aber Nestflüchter. Das bedeutet, dass sie ihren Eltern sofort folgen. Zunächst werden sie von ihnen mit Futter versorgt, lernen aber recht schnell, auch selbst Nahrung zu suchen. Bei den Wasserrallen beginnt die Brutzeit im April.
Ein Stück weiter im Schilf rief eine zweite Wasserralle. Vielleicht der zukünftige Partner „meiner“ Wasserralle? Jedenfalls folgte diese dem Ruf und verschwand aus meinem Blickfeld. Noch eine Weile lauschte ich ihren Rufen und freute mich über die Beobachtung. Diesmal ein Punkt für mich 🙂
Ein kleiner Ausblick
Diese Woche wurden wie versprochen die Wasserralle und die Rohrdommel beziehungsweise „Schilfschwein“ und „Moorochse“ ergänzend zur „Himmelsziege“ von letztem Mal vorgestellt. Haben Sie alle drei schon einmal gehört? Möglicherweise auch schon unbewusst, weil Sie sie verwechselt haben? Vielleicht haben Sie ja jetzt Lust bekommen, abends am Teich nach ihnen zu lauschen? Jetzt ist die beste Gelegenheit dazu, solange die Vögel ihre Balzzeit haben!
Beim nächsten Mal soll nun – wie schon vor Längerem angekündigt – die Beitragsreihe zu den verschiedenen Schutzgebieten Deutschlands und weiterer Länder beginnen. Dabei werden Sie feststellen, dass Schutzgebiet nicht gleich Schutzgebiet ist.
Ich lade Sie ein, gemeinsam mit dem Naturjournal interessante und faszinierende Lebensräume und deren Bewohner zu entdecken. Schauen Sie nächste Woche doch gern wieder vorbei!
