„Unsichtbares sichtbar machen“
Von unscheinbar bis hin zu auffälligen Schönheiten, von seltsamen Formen bis zu komplexen Strukturen sind Flechten vor allem eines: Einzigartige Lebensgemeinschaften.

Symbiose aus Pilz und Alge
Denn eine Flechte besteht immer aus einem Pilz und einer Alge. Dabei sind sehr vielfältige Artkombinationen möglich. Diese haben häufig nur noch wissenschaftliche Namen und lassen sich teilweise nur genetisch unterscheiden. Für die meisten Menschen sind es daher meist einfach nur Flechten. Gern werden sie sogar ganz übersehen. Dabei sind sie vielerorts anzutreffen. Und das Hinschauen lohnt sich!
Trotz der Artenvielfalt leben Flechten immer nach demselben Prinzip: Der Pilz bildet das „Gehäuse“, schützt die Alge und bildet die Verbindung zur Umgebung. Zahlreiche Flechten kommen beispielsweise an Bäumen vor. Die Alge ist dafür der „Versorger“, da sie die zugeführten Nährstoffe verarbeitet, Photosynthese betreibt und damit Zucker produziert. Hiervon profitiert wiederum der Pilz. Also eine richtige Win-Win-Situation!
Durch diese Lebensgemeinschaft haben Flechten einen Vorteil gegenüber vielen anderen Arten, die „auf sich allein gestellt“ sind. Für ihr Vorkommen ist nur eines wichtig: Sonnenlicht. So wachsen sie zwar weniger im Wald, dafür aber sogar in großen Höhen und kalten Regionen. Manch einer kennt vielleicht die Gruppe der „Rentierflechten“, die von den namensgebenden Hirschen gern verspeist werden. Sie wachsen in Skandinavien großflächig.
Blatt oder Kruste?

Je nach Ort, an dem sie wachsen, haben die Flechten unterschiedliche Formen entwickelt: Krustenflechten überziehen Felsen teils sehr unscheinbar, Bartflechten hängen dafür gespenstisch von den Bäumen. Auch Haarflechten genannt, zeigt ihre Erscheinung, woher der Name kommt.
Außerdem gibt es noch Blatt- und Strauchflechten. Auch hier ist die Form namensgebend. So wachsen die Strauchflechten wie kleine Sträucher auch am Boden.
Je sonniger ihr Standort, desto intensiver leuchten ihre Farben. Auf dem Bild oben ist das strahlende Grün der Wolfsflechte gut zu erkennen.
Mit Flechten kann man rechnen
Besonders interessant ist die Flechte auch für zahlreiche Wissenschaftler, die sich mit der Entstehung und dem Alter einer Landschaft beschäftigen. Die Krustenflächen wachsen nur wenige Millimeter im Jahr und haben jeweils ein artspezifisches, gleichmäßiges Wachstum.
Anhand dessen lässt sich mit der Größe bzw. Ausdehnung einer Flechte errechnen, seit wann sie schon wächst. Große Flechten können schon mehr als tausend Jahre alt sein und zeigen etwa, wie lange ein Stein schon an dieser Stelle liegen muss. Auch Rückschlüsse auf die klimatischen Bedingungen lassen sich ziehen. Diese wissenschaftliche Methode wird als Lichenometrie (englisch lichen = Flechte) bezeichnet.
Spezialisten können einer Flechte aber noch viel mehr entnehmen. So wachsen einige Arten beispielsweise nur an bestimmten Bäumen oder auf bestimmten Böden, weil der ph-Wert der Rinde oder der Gesteine von Bedeutung ist. An „sauren Kiefern“ etwa lassen sich nur wenige Arten finden.

Es zeigt sich also: Es lohnt sich, die teils fast unsichtbaren, teils aber auch sehr farben- und formenprächtigen Flechten näher anzuschauen! Bleiben Sie doch mal vor einem Baum stehen und schauen Sie, ob auf seiner Rinde Flechten sitzen. Sehen Sie Unterschiede?
Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen ersten Einblick in die komplexe Welt der Flechten bieten und freue mich selbst schon auf neue Entdeckungen 😉
