Der Wind rüttelte an einem morschen Ast, knarzend bewegte er sich im Sturm. Schließlich kam eine besonders heftige Böe und brach ihn ab. Krachend fiel der Ast zu Boden. Am Stamm war ein Loch entstanden.
Doch jedes Ende ist ein Anfang und so fanden an der Stelle die Samen eines Baumes Halt. Sie trieben aus und dort, wo der Ast abgebrochen war, wuchs nun ein neuer.
Wenn ein Baum auf einem anderen wächst…
Hierbei gibt es mehrere Phänomene: Im einfachsten Fall stammen die Samen vom Baum selbst oder er treibt an der verletzten Stelle neu aus. Dann ist es immer noch ein Individuum.
Genauso gut können die Samen aber von einem anderen Baum der selben Art stammen und andere genetische Eigenschaften aufweisen. Ist es dann immer noch ein einziger Baum?
Und es gibt sogar Fälle, in denen sich eine fremde Baumart ansiedelt! Sind es dann zwei Bäume oder immer noch einer? Denn immerhin werden sie ja über dieselben Wurzeln versorgt?
Manchmal bilden die „Fremdlinge“ aber auch eigene Wurzeln. Diese können sowohl Nährstoffe aus dem Totholz an der Wuchsstelle aufnehmen oder aber an dem Baum nach unten wachsen.

Im Bild ist ein Ebereschen-Trieb an einem ehemaligen Astloch einer Sommerlinde gewachsen. Wer genau hinschaut, kann gelegentlich solche besonderen Bäume entdecken. Hier ist es mir zuerst an der Rinde aufgefallen. Der Ebereschen-„Ast“ ist viel glatter als die gleichmäßig gefurchte Rinde der Linde. Als ich genauer hinsah, fielen mir dann auch die unterschiedlichen Blätter auf.
In einem anderen Fall ist auf einer abgebrochenen Stieleiche ein junger Bergahorn gewachsen. In drei oder vier Metern Höhe erhält er über den Stamm der Eiche noch immer Wasser und Nährstoffe und kann gedeihen.
Ist es nicht faszinierend, wie ein Baum den anderen annimmt und so etwas komplett Neues entstehen kann? Achten Sie doch auch mal darauf, wenn an einem Baum etwas ungewöhlich aussieht. Vielleicht sind es nämlich sogar zwei Bäume…
Wenn zwei Bäume zusammen wachsen
Eine andere interessante Beobachtung bilden zwei früher völlig eigenständige Bäume, die erst mit der Zeit verwachsen.
Auch hier sind es häufig dieselben Arten, wenn mehrere Jungbäume zu dicht beieinander stehen. Der Abstand verdichtet sich im Wachstum und ihr Holz arbeitet, wenn sie sich beispielsweise im Wind bewegen. Mit der Zeit wird die Rinde „durchgeschubbert“. Um die Wunde zu schließen bilden die Bäume an dieser Stelle Verwachsungen. Das Kerngewebe verbindet sich.
Dieses Prinzip nennt man Inosculation. Es wird auch bei der Veredelung von Obstbäumen genutzt. Manchmal ist die Verwachsung aber nur äußerlich, also optisch.
Es können jedoch auch Bäume verschiedener Arten zu dicht beisammen stehen und verwachsen ebenfalls.

Hier ging es einer Rotbuche und einer Fichte so. Die schrägstehende Buche hat sich an den Nadelbaum angelehnt und findet so Halt.
Solche Bilder sind leichter zu entdecken, da sie häufiger vorkommen und auch „auf Augenhöhe“ zu entdecken sind. Vielleicht stehen in Ihrer Nähe ja auch solche besonderen Paare? Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Entdecken!
