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Winter in der Heide

Erlebnisse zwischen Waldschnepfe und Frost

Kaum aus dem Haus, schlug mir die frostige Luft wie eine kalte Wand entgegen. Doch sie war auch schön klar. Kein Wind wehte und die Sterne leuchteten am wolkenfreien Himmel.

Kurz hielt ich inne und richtete den Blick nach oben in dieses unendliche, dunkelblaue Meer mit seinen schimmernden Punkten.

Es ist jedes Mal ein belebendes Gefühl, kurz vor dem Hellwerden draußen unterwegs zu sein und zu wissen: Noch gehört die Welt dir. Keine Menschen, keine Autos, kein Lärm. Alles schläft noch.

Es war kalt, neun Grad unter dem Gefrierpunkt. Aber solange ich in Bewegung war, war es gut auszuhalten.

Als ich auf die anderen traf, begann sich ein heller Schimmer um den Horizont zu bilden. In der Dämmerung stand unser weißer Atem vor uns in der kalten Luft.

Freudige Erwartung ergriff mich, als wir losgingen. Der gefrorene Boden knirschte unter unseren Füßen. Alles um uns herum begann im Licht der aufgehenden Sonne zu leuchten: die vom Frost weißen Bäume und Sträucher. Die kleinen Kiefern und die kahlen Birken. Der dürre Ginster und die graue Besenheide.

Wir schwiegen die meiste Zeit, genossen diese besonderen Anblicke. Mit dem Blick stets die Umgebung abtastend.

Außer uns war niemand unterwegs. Scheinbar.

Nie allein

Doch wir wussten: in der Natur ist man nie allein. Auch wenn sich um diese Uhrzeit keine Menschenseele hierher verirrte, war es nur eine Frage der Zeit, bis uns unsere tierischen Mitbewohner über den Weg liefen. Aus diesem Grund versuchten wir, zwischen den Bäumen Bewegungen auszumachen und immer aufmerksam zu bleiben. Und siehe da!

Etwa fünfzig Meter vor uns wackelte zwischen den Bäumen am Wegrand etwas Braunes. Kurz darauf trat eine Hirschkuh vorsichtig heraus. Kaum war sie verschwunden, schob sich der nächste Körper ebenso vorsichtig nach vorne. Wie meistens war das Rotwild in kleinen Rudeln unterwegs und so folgten nach und nach die übrigen Tiere.

Wir waren stehen geblieben und beobachteten sie gebannt durch unsere Ferngläser. Ein Tier sah den Weg entlang zu uns herüber. Nur kurz verharrte es, ehe es ruhig seinen Weg fortsetzte. Vermutlich stellten wir keine Bedrohung dar, solange wir uns so ruhig verhielten und auf Abstand blieben. Oder hatte es uns gar nicht gesehen und nur zufällig in unsere Richtung geblickt?

Rotwild ist fast immer in Rudeln unterwegs. Diese sind in der Regel jedoch nach dem Geschlecht getrennt. Nur zur Paarungszeit, der Brunft, im September und Oktober treffen Männchen und Weibchen zusammen.

Eine Weile später kam noch eine siebenköpfige Gruppe vorüber.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Sie ließ die weiß gefrorene Landschaft glitzern. Allein das wunderschöne Leuchten unserer Umgebung beantwortete die Frage, ob es richtig war, trotz Dunkelheit und Kälte zeitig aufzustehen.

Da ruft doch einer?

Wir gaben uns Mühe, möglichst leise unterwegs zu sein. Doch der hartgefrorene Sand unter unseren Füßen knirschte immer wieder verdächtig. Gelegentlich hielten wir inne und lauschten im Banne der uns umgebenden Stille. Nichts war zu hören.

Doch dann: „Es hat wieder einer gerufen!“

Mir wurde bewusst, wie sich die Kommunikation bei eingespielten Teams verändert. Oft genug zusammen unterwegs gewesen, weiß jeder, was der andere meint – ohne, dass es ausgesprochen wird.

Einen Außenstehenden lässt dieser Satz wohl vermuten, dass irgendwo andere Menschen unterwegs waren. Doch Fehlanzeige!

Ein neuer „Ruf“ zerriss die Stille.

Es war das Röhren eines Hirsches. Nicht mehr so kraftvoll wie in der Brunftzeit, etwas heiser wirkte es. Aber dennoch beeindruckend. Die gelegentlichen kurzen Rufe des Tieres waren in der frostigen Luft weithin zu vernehmen. Eine Antwort erhielt er jedoch nicht.

Schwein gehabt!

Wir waren noch mit Lauschen beschäftigt, als plötzlich ein Stück vor uns ein Baum zu wackeln begann. Obwohl kein Luftzug ging und alle anderen Bäume sich keinen Millimeter bewegten, geschweige denn eines der wenigen verbliebenen Blätter wackelte. Dieser jedoch wankte bedenklich und knarzte leise. Wie konnte das sein?

Das untere Ende des Stammes war für uns hinter großen Sträuchern verdeckt. Doch wir kannten den Baum und wussten, dass die Rinde im unteren Bereich glatt abgewetzt war. So lag die Vermutung nahe, dass sich wieder ein Wildschwein an dieser Wellness-Oase gütlich tat.

Die Tiere nutzen einen Baum mehrmals, sodass dieser leicht als Pflegestation erkenntlich ist. Frisch genutzt ist dies auch am Geruch zu erkennen. An dem nun glatten Stamm haften auch abgeschupperte Borsten. Teilweise weist der Baum auch tiefergehende Schrammen auf, welche die Wildschweine mit ihren Zähnen, dem sogenannten Gewaff (bzw. den Eckzähnen – Hauern) verursachen. Das Ganze dient natürlich der Fellpflege. Die männlichen Tiere, Keiler genannt, schärfen aber auch ihre Zähne für die Rauschzeit, also die Paarungszeit von November bis ins Frühjahr hinein. Zudem dient es der Revierabgrenzung.

Als der Baum aufhörte zu wackeln, versuchten wir vergeblich, das Tier zu erspähen. Wir hatten uns bereits anderen Dingen zugewandt, als leises Getrappel uns aufmerksam werden ließ.

Wir verharrten mucksmäuschenstill und warteten ab. Schnell kam das Geräusch näher und nur wenige Meter an uns vorbei trabte ein kleines Wildschwein entlang. Der vermutlich noch junge Keiler (bzw. Überläufer) lief schnurstracks vorüber ohne uns zu bemerken. Das Schwänzchen aufgerichtet schien er quietschvergnügt zu grinsen. Wir freuten uns über diese seltene Beobachtung.

Frostiges Spurenlesen

Wahrscheinlich kam uns heute das Wetter zugute. Denn auch wenn es schwierig war, leise unterwegs zu sein und alle Geräusche weithin zu hören waren, so hörten auch wir, wenn etwas kam. Außerdem verriet uns der Wind nicht, da er den Tieren keine Witterung zutrug.

Inzwischen waren wir im „Kälteloch“ angekommen. In dieser Senke sammelt sich immer die frische Luft und es ist nochmal ein paar Grad kälter als in der Umgebung. Da half es auch nur wenig, dass die Strahlen der inzwischen hell scheinenden Sonne leicht wärmten.

Hier war der Boden besonders hart gefroren. Einerseits schade, weil in dem eigentlich sandigen Boden keine frischen Spuren zu erkennen waren. Andererseits konservierte er aber auch alte Spuren in exzellentem Zustand. So konnten wir nicht nur die Abdrücke der bereits beobachteten Tiere ausmachen, sondern entdeckten auch die Fährten des ansässigen Wolfsrudels.

Mit der Zeit wurden auch die Vögel aktiv. Ein paar Meisen suchten nach Futter, ein Buntspecht trommelte, ein Kleiber rief. Etwas später war auch der Schrei des Schwarzspechts zu vernehmen. Ein Eichelhäher beschwerte sich, sonst blieb es aber noch ruhig.

Zugedeckt und aufgeschreckt

Es war, als hätte der Frost eine Decke über die Landschaft gelegt, die alles Störende abhielt und die Umgebung in friedliche – wenn auch eisige – Stille tauchte.

Ein Schein, der trügt. Denn dieser Zauber, der uns auf besonders faszinierende Weise einnahm, bedeutet für viele Tiere eine echte Herausforderung. Mit der Kälte steigt der Energieverbrauch, welcher reduziert werden muss. Nahrung wird schwerer zugänglich. Je länger solches Wetter anhält – bestenfalls noch in Kombination mit Schnee -, desto kräftezehrender wird es.

Deswegen war es uns wichtig, unseren Störfaktor möglichst gering zu halten.

Nicht immer gelingt es. So schrak ich kurz zusammen, als unmittelbar neben uns – nur etwa zwei Meter neben dem Wegrand – plötzlich mit einem schlagenden Geräusch etwas aufflog. Eine Waldschnepfe. Nur kurz darauf flog etwas weiter entfernt noch eine zweite auf. Wohl mehr, um ihrer Artgenossin zu folgen, als wegen uns, da die normale Fluchtdistanz nicht unterschritten war.

Die braun-gemusterten, etwa taubengroßen Vögel sind mit ihrem Gefieder gut an den Boden angepasst. Sie bleiben ruhig sitzen und vertrauen auf ihre Tarnung, weshalb sie meist unentdeckt bleiben. Erst wenn man (unbewusst) fast an sie heran ist, fliegen sie auf.

Auf dem Durchzug rasten die Vögel hier. Unter den Eichen ist der Boden freier, in der leicht ausgeprägten Krautschicht sind sie gut versteckt. Häufig sind sie auch in der Nähe feuchter Lebensräume anzutreffen.

Winterglanz

Doch auch an dem kleinen Fluss ist die letzte Nacht nicht spurlos vorübergegangen. An Stellen, wo das Wasser langsamer floss, hatten sich Eisschollen gebildet. Das Schilf im Bereich der Altarme, wo fast kein Wasser mehr entlang kommt, war ebenfalls von einer dünnen Wasserschicht überfroren. Diese glänzte nun in der Sonne.

Am späten Vormittag wurde es „warm“. Das Thermometer zeigte nur noch ein Grad minus. Die strahlende Sonne tat ihr Übriges.

Wir kehrten auf dem selben Weg zurück, den wir gekommen waren.

Mit dem Herzen voll eindrücklicher Erlebnisse verabschiedeten wir uns für heute von dieser wunderbaren Natur. Und freuen uns schon auf das nächste Mal, wenn wir in diesem besonderen Lebensraum zu Gast sein dürfen.